Eine Perle für ganz Stuttgart

Bürgerbeteiligung zur Villa Berg hat begonnen
Eine Villa, und sei sie noch so groß, reicht nicht aus, um alle Ideen für die Villa Berg unterzubringen: Das merkte ein Bürger bei der ersten Runde der Bürgerbeteiligung treffend an. Am 20. Juli bei Außentemperaturen von 37 Grad hatten sich mehr als 100 Interessierte in der Cotta-Schule eingefunden, um sich über die Ergebnisse der baulichen Untersuchung zu informieren, den Standpunkt der Denkmalschützer zu hören und schließlich in Arbeitsgruppen selbst aktiv zu werden. 

Die Engagierten haben einen Prozess vor sich, in dem die Vielfalt der Möglichkeiten „verdichtet“ werden müsse, sagte Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Denn alles kann nicht gemacht werden – oder, wie es Jörg Trüdinger von der Bürgerbeteiligungsgruppe später sagte: Die Mahlzeit soll am Ende nicht nach Lasagne und Sushi zugleich schmecken. 
Gesucht werde die beste Nutzung, was bedeute: Das, was in Stuttgart gesamt bislang fehle. Das unterstrich der Oberbürgermeister. Der Osten habe zwar ein gewichtiges Wort mitzureden, aber die Villa und der Park seien nach seiner festen Überzeugung „eine Perle für ganz Stuttgart, nicht nur eine Perle des Stadtteils“. Das lege auch ihre historische Bedeutung nahe. 
Eine Grundsatzentscheidung sei allerdings schon früh zu fällen, sagte Kuhn: ob man die Villa, wie das eine Gruppe von Menschen vertritt, tatsächlich wieder in den Zustand von König Karl und Köngin Olga zurückbringen wolle. Das passe aus seiner Sicht nicht zu einer öffentlichen Nutzung. Als zweite Einschränkung nannte er: Wenn der Sendesaal aus Denkmalschutz-Gründen nicht angetastet werden dürfe, „dann haben wir eine Reduktion von Möglichkeiten“. 
Der Denkmalschutz hat noch nicht entschieden, sondern steht erst am Anfang seiner Bewertung. Allerdings stelle Professor Claus Wolf als Präsident des Landesdenkmalamtes klar, dass aus seiner Sicht zwei zeitliche „Schichten“ der Villa historisch bedeutsam und deshalb erhaltenswert seien: das ursprüngliche architektonische Werk von Christian Friedrich Lein mit seinen hochwertigen Steinmetzarbeiten an der Außenfassade, ebenso die architektonische Leistung des Wiederaufbaus nach dem Krieg durch Adolf Mössinger und Egon Eiermann, der den Sendesaal einbaute. Grade der Sendesaal mit seiner besonderen Akustik und Schalldämmung nach außen sei ein „außergewöhnlich qualitätvolles und einzigartiges Architekturdenkmal für Stuttgart“. Das klang schon ein bisschen nach unantastbar – wobei Wolf betonte, dass noch gar nichts entschieden ist.
Einschränkungen bezüglich der Nutzungsmöglichkeiten waren auch von Matthias Rieker vom Büro Arcadis zu hören, das den baulichen Zustand der Villa untersucht hat. Insgesamt, „geologisch und statisch gesehen“, sei der Zustand „sehr gut“, war seine gute Nachricht. Gefolgt von einer Menge Einschränkungen: Dach, Fenster und Türen sind undicht, was bereits zu Folgeschäden geführt hat, die Elektrik sei nicht mehr nutzbar, die Sanitäranlagen ebenso wie die Wasseraufbereitung könnten nicht mehr in Betrieb genommen werden. Eine Lüftung müsse bei öffentlicher Nutzung zwingend eingebaut werden, energetische Standards könnten nicht erfüllt werden, hinzu kämen „sehr, sehr viele Brandschutzmängel“ – übrigens auch am Sendesaal, der im aktuellen Zustand ebenfalls nicht den Vorschriften für öffentliche Veranstaltungen entspricht. Weiterhin wurden Schadstoffe gefunden. „Wenn wir das Gebäude in Betrieb nehmen, muss eine Schadstoffsanierung erfolgen, die nicht ganz einfach ist“, so Rieker. Gastronomie hält er im Inneren der Villa für nicht machbar, aus hygienischen Gründen wie auch wegen fehlender Toiletten. Für eine gastronomische Nutzung empfahl er deshalb, einen vorgelagerten Raum zu bauen. Auch barrierefrei zugänglich ist die Villa nicht, ein Aufzug müsste eingebaut werden. 
Die Bürger haben jetzt in Arbeitsgruppen Ideen gesammelt. Auch was bisher schon erarbeitet wurde – von den Berger Bürgern, Occupy Villa Berg und anderen – soll in den Prozess einfließen. Im Herbst finden zwei Workshops statt, am 7. Dezember die Abschlussveranstaltung. 
Wer sich auf dem Laufenden halten möchte, ist im Internet auf https://www.stuttgart-meine-stadt.de/villa-berg richtig. Hier findet man Details zur baulichen Untersuchung und zur Bürgerbeteiligung, Bildergalerien oder einen virtuellen Rundgang durch die Villa. Auch an einer Online-Diskussion kann man teilnehmen. aia
 
Ideen und Wünsche wurden gesammelt. Foto: aia